Warum Betroffene Rückzugsorte brauchen
Shownotes
Wer Betroffene einbindet, übernimmt Verantwortung. In dieser Folge spreche ich darüber, warum Rückzugsorte, Pausen, Zeit und Begleitpersonen keine Extras sind, sondern Grundvoraussetzungen für gute Healthcare-Kommunikation. Ich teile Erfahrungen aus meiner Arbeit als Moderator und zeige, was es in der Praxis wirklich braucht, damit Beteiligung nicht überfordert, sondern trägt.
Website: www.mathias-furch.de
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00:00:04: Sick und Sin.
00:00:08: Der Podcast über Healthcare-Kommunikation.
00:00:17: Es ist Dezember und ich begrüße euch zu einer zweiten Folge zur zweiten Folge von Sick und Sin.
00:00:23: Der Podcast über Healthcare-Kommunikation.
00:00:26: Okay, also ich möchte mit euch gerne mal wieder konkret werden.
00:00:29: Nicht konkret, konkreter werden.
00:00:32: Und zwar auf LinkedIn habe ich im Oktober ein Bild gepostet, auf dem eine Infusionsflasche zu sehen war.
00:00:37: Und das war ein Backstage-Bereich eines Events, welches ich moderiert habe.
00:00:41: Der Titel war, was man auf der Bühne nicht sieht, aber jeder wissen sollte.
00:00:46: Und das war bisher mein erfolgreichster Post und hat mittlerweile Meile als, oder mehr als, zwanzigtausend Impressionen.
00:00:53: Und das zeigt mir, dass wir sehr viel über das Vorderkamera sprechen.
00:00:59: Die Ergebnisse von Patient Engagement sprechen, aber kaum einen Backstage-Blick zulassen und ich würde das gerne mit euch ändern.
00:01:07: Und deshalb geht es in dieser Folge um etwas, was fast immer unterschätzt wird, meiner Meinung nach.
00:01:11: Und ehrlich gesagt, auch oft herausfordernd ist, wie kann ruhig so ehrlich sein, wenn man Veranstaltungen plant.
00:01:19: Es geht um Rückzugsorte, es geht um Zeit, es geht um Flexibilität, es geht um Zeit und ja, Zeit.
00:01:27: Dieses Gefühl von, das dauert jetzt etwas länger als gedacht und ich erlebe das ständig in meiner Arbeit und ich habe gedacht, das teile ich mal mit euch.
00:01:36: Hi, ich bin Matthias.
00:01:37: Ich moderiere seit Jahren Format im Healthcare-Bereich, Panels, Interviews, Workshops und Patienten-Dialogue und bringe Betroffene von chronischen und seltenen Erkrankungen zusammen mit Industrie, Medizin, Pflege-Selbsthilfe mit Angehörigen und mit anderen Betroffenen.
00:01:51: Und bevor ich das gemacht habe, war ich Pfleger in der Intensiv- und Notfallmedizin.
00:01:56: Und ich sage das gleich mal vorweg.
00:01:58: Für mich, der sich auch mehr und mehr mit Veranstaltungsdesign im Healthcare-Bereich beschäftigt, ist das kein Nice to have, diese Rückzugsorte.
00:02:08: Das ist Teil des Deals, wenn man mit Betroffenen arbeiten will, finde ich.
00:02:11: Ich kenne also Systeme, die auf Taktungen, Abläufe und Effizienz ausgelegt sind, so wie wir auch alle gelernt haben, zu arbeiten und Events zu organisieren.
00:02:22: Und ich kenne auch Menschen, die da irgendwie reinpassen müssen, obwohl ihr Alltag, ehrlich gesagt, ganz anders funktioniert.
00:02:28: Und ich spreche hier von Betroffenen einer chronischen bzw.
00:02:31: seltenen Erkrankung, die ganz andere Bedürfnisse haben, die eine ganz andere Geschwindigkeit haben, eine andere Realität.
00:02:40: Und wir wollen immer ganz viel von ihnen ihre Geschichte erzählen, am besten immer ganz flott und ohne Verzögerung in der Agenda und auf unserer Bühne.
00:02:50: Aber genau da, finde ich, entsteht Reibung.
00:02:54: Und was viele unterschätzen... Wenn Menschen mit chronischen oder seltenen Erkrankungen beteiligt werden, klammer auf, was wir hier alle wollen, klammer zu, dann kommen Unplanbarkeiten in den Raum und die müssen wir wirklich mit einplanen.
00:03:08: Und das ist nichts, was man weg moderieren kann.
00:03:12: Es kann passieren und es wird passieren, das werde ich euch sagen und das kann ich euch versprechen, dass jemand kurzfristig absagt.
00:03:20: Und nicht weil die Person vielleicht keine Lust hat, sondern weil der Körper an dem Tag einfach nicht mitmacht.
00:03:25: Und ich finde auch, wir brauchen da auch keine Begründung oder eine Entschuldigung oder sogar eine Rechtfertigung.
00:03:31: Wenn wir den Betroffenen schon zusprechen, dass die Experten ihre eigenen Erkrankungen sind, müssen wir das auch so akzeptieren.
00:03:38: Es kann also sein, dass jemand länger braucht, um anzukommen.
00:03:42: Also nicht nur... Ja, mental, sondern auch wirklich berätlich gemeint, etwas länger braucht, um an den Veranstaltungsort zu kommen.
00:03:51: Und dann sollten wir mal überlegen, ob sieben Uhr morgens auch wirklich eine realistische Zeit ist.
00:03:57: Es wird auch vorkommen, dass jemand Medikamente braucht, so wie im Feedpost zu sehen.
00:04:02: Da ging es nämlich darum, dass eine Betroffene kurz vor ihrem Panel-Interview Kurz vor ihrem Part auf der Bühne.
00:04:13: Ein Notfallmedikament brauchte.
00:04:15: Sie hatte ihre Ärzten dabei, sie hatte eine Begleitperson dabei.
00:04:18: Und das hat natürlich erst mal Raum eingenommen.
00:04:21: Natürlich auch organisatorisch, aber auch erst mal im Backstagebereich.
00:04:25: Alle mussten raus, es musste etwas ruhig schaffen werden, bis das Medikament gewerkt hat.
00:04:30: Und die Betroffene war entspannter als alle drum herum.
00:04:34: Ich hab ein bisschen geholfen, ich hab ein bisschen assistiert, die Erzählern hat alles wunderbar im Griff gehabt.
00:04:38: Und da dachte ich nie so, das passiert öfter, als wir denken, darüber spricht aber keiner.
00:04:48: Also, wir müssen bedenken, dass jemand mal Medikamente braucht, dass jemand Pausen braucht, mehr als wir wahrscheinlich, und Ruhe.
00:04:57: Und dass länger als es ein Event vielleicht lieb ist, oder?
00:05:01: Fragezeichen, sagt ihr es mir.
00:05:03: Und ja, manche Menschen brauchen auch eine Begleitperson.
00:05:07: Manche sogar mehrere und das braucht auch Platz.
00:05:10: Auch wieder räumlich, organisatorisch, aber auch vor allem bei uns im Kopf, die diese Art von Veranstaltung moderieren und organisieren.
00:05:21: Ich habe oft das Gefühl, dass Veranstalter denken, wir haben doch alles bedacht.
00:05:27: Und sind das jetzt Sonderwünsche?
00:05:30: können oder müssen wir das alles auch mit berücksichtigen.
00:05:34: Das heißt, dann gibt es oft diesen einen perfekten Ablaufplan, der in wunderbaren Exalisten auch wirklich sehr gut aussieht, aber es gibt wirklich keine Raum, um davon abzuweichen.
00:05:43: Und genau das ist das Problem oder sagen die Herausforderung, wo ich mich nicht rausnehme, aber vielleicht denke, da brauchen wir wirklich ein paar Leitklanken, da brauchen wir Prophazon.
00:05:53: Und ein Rückzugsort ist nicht nur ein Raum, sondern es ist auch ein Signal, finde ich, an die Betroffenen und an den Angehörigen.
00:06:01: Ich habe schon gesagt, wir wollen so viel von denen.
00:06:03: Ich glaube, wir müssen aber auch abliefern.
00:06:05: Und lass uns das mal näher betrachten.
00:06:07: Das könnte das für ein Signal sein, was wir senden wollen oder senden müssen.
00:06:12: Für mich heißt das, du musst hier nicht funktionieren heute.
00:06:16: Du darfst heute Pause machen, so oft du willst und wann du willst.
00:06:22: Du darfst dich zurückziehen.
00:06:24: Und du darfst auch sagen, heute geht es nicht.
00:06:28: Und ich finde, das verändert alles, wenn wir das so konkret formulieren und einplanen.
00:06:34: Ich habe Formate erlebt in den Betroffenen danach oder dann unter diesen Umständen viel freier gesprochen haben, weil sie wussten, Ich kann jederzeit raus, ich bin hier nicht gefangen und ja, ich darf ich sein und es wird mir nicht negativ ausgelegt.
00:06:50: Natürlich sind sie aufgeregt, sie wollen ja natürlich auch mit ihren Geschichten auf unseren Events halt für Eindruck sorgen und ihre Geschichte teilen, damit diese Geschichten auch rausgehen und anderen Betroffenen helfen.
00:07:05: Ich habe natürlich aber auch das Gegenteil erlebt, Format in den Menschen durchgezogen haben, obwohl sie längst über ihre Grenzen waren.
00:07:13: Und ich finde, wenn man dafür einen Blick hat, sieht man das sofort.
00:07:18: Man merkt es oft später erst, also die Betroffenen sofort und wieder später.
00:07:23: Und wenn ich dann den Auftrag gebe, dann immer sage, plant nicht nur das Bühnenprogramm, plant die Menschen.
00:07:28: Ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Punkt.
00:07:30: Plant Zeit vor der Bühne und auch nach der Bühne.
00:07:34: Rohämlich, organisatorisch und im Kopf, das könnt ihr euch immer merken.
00:07:37: Plant Puffer und plant Rückzugsorte, so selbstverständlich.
00:07:41: Ein wie Technik und Catering.
00:07:43: Nicht nur perfekt inszenieren, sondern auch wirklich wirklich gut begleiten und das heißt für mich auch akzeptieren, dass Dinge anders laufen als geplant, denn wir arbeiten hier mit Menschen einer chronischen und seltenen Erkrankung.
00:07:55: Ein Beispiel.
00:07:56: Wenn jemand am Morgen sagt, ich brauche heute länger, dann ist hier die richtige Reaktion nicht.
00:08:01: Oh, das wird jetzt aber schwierig, sondern eher okay, wie können wir es anpassen?
00:08:06: Diese Haltung spüren Menschen finde ich sofort und das sind wir den Schuldig.
00:08:10: Und sie entscheiden darüber, ob Beteiligung sich sicher anfühlt oder nicht.
00:08:14: Also zum Schluss nochmal ein paar konkrete Punkte, die ihr mitnehmen könnt.
00:08:18: Ich fasse nochmal zusammen.
00:08:20: Rechnet mit Absagen erstens.
00:08:23: Nicht als Ausnahme, sondern als Möglichkeit und kommuniziert das offen und auch intern.
00:08:29: Das Verständnis muss bei allen klar sein.
00:08:31: Zweitens plant rückzugsorte aktiv ein, also nicht irgendwo im Keller, sondern dass sie erreichbar sind, ruhig und ich würde es mal mit respektvoll umschreiben.
00:08:41: Drittens denkt Begleitpersonen mit in der Einladung, in der Organisation, unterm Raum.
00:08:48: Und viertens, vielleicht auch der wichtigste Punkt, habt geduld, wir müssen geduld haben.
00:08:52: Nicht aus Höflichkeit oder aus einer Art von professionellen Druck.
00:08:57: sondern weil gute Healthcare-Kommunikation genauso funktioniert und nicht effizient ist, denn sie ist verlässlich und auf Augenhöhe.
00:09:07: Ich bin gespannt, was ihr dazu sagt, sagt es mir gerne, zum Beispiel auf Link in den Kommentaren, wenn ich diese Folge poste, denn das hier ist sick in Zin, ein Podcast über das, was wirklich passiert, wenn Menschen beteiligt werden und was es braucht, damit das gut.
00:09:29: Ich wünsche euch frohe Weihnachten und kommt gut ins neue Jahr.
00:09:36: Wir hören uns im Januar am Dreizehn.
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